ZUM SINN DES LEBENS

 

Pravachan ist eine mündliche Erklärung eines spirituellen Lehrers vor einer Versammlung der allgemeinen Öffentlichkeit, eine alte Tradition, die bis auf die Veden zurückgeht.

In einer Versammlung wurde gefragt: „Was ist der Sinn des Lebens?“

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Die Frage nach dem Sinn des Lebens bedeutet, dass er scheinbar verlorengegangen ist. Besonders in der heutigen Zeit ist das eine sehr tiefgründige und wichtige Frage, die den Menschen oft bis zum Tod nicht los lässt. Wenn der Sinn verloren gegangen ist, ist auch das Leben bedroht. Das bedeutet, Sinn und Leben sind untrennbar verbunden, sind EINS, „a-dvaita“ (nicht-Zweiheit).

Daher ist das sehr schwer in Worte zu fassen und nicht leicht zu verstehen.

Der Sinn ist allumfassend, ewig, in allem verborgen, göttlich, das Ganze. Man könnte es so zu verstehen versuchen: 

Der Sinn ist Ganzheit und Leben ist Teil. Das Leben hat die gleichen Eigenschaften wie die Ganzheit, so wie ein Tropfen Ozeanwasser die gleichen Eigenschaften wie das Wasser im ganzen Ozean hat. Das heißt, dass zwischen Leben und dem Sinn eine untrennbare Beziehung besteht. Anders ausgedrückt: Die universelle Seele ist EINS und die individuellen Seelen sind Teile davon, so wie in der materiellen Welt ein Körper das Ganze ist, jedoch er einzelne Bestandteile besitzt. Der Sinn als höchstes Bewusstsein ist Schöpfer und damit Gesetzgeber für die Teile. Die Teile haben stets dem Gesetzgeber zu dienen, wie bei König und Untertan in einem Königreich.

Das bedeutet, dass das Leben/der Teil dem Schöpfer ganz  zu dienen hat, damit heißt Sinn des Lebens, dem Schöpfer zu dienen. Alles ist stets im Dienste des Höchsten, das ist ewiges Gesetz, Sanskrit: „sanatana dharma“.

Leben wir nach diesem Gesetz? Leider nicht. Wir haben uns in unserem selbst gemachten Gesetzesdschungel verloren. Die Gesetze orientieren sich am Teil und das Ganze wird außer Acht gelassen. So entfernen wir uns von unserer wahren Natur (Spiritualität, Königreich Gottes, Ganzheit) und verlieren uns  in der materiellen Welt („maja“ – Illusion). Wir entfernen uns vom Sinn des Lebens, nämlich vom Dienen, Tun.

Du wirst jetzt sagen: „Wir tun doch stets, wir arbeiten stets, wir handeln stets! Das drückt sich doch in unserem Wohlstand aus! Wir haben sehr gute soziale Systeme, großen wirtschaftlichen Fortschritt, medizinische, technische Errungenschaften und sind auch Vorbild für viele andere.“

Ja, das stimmt, aus deiner Sicht, aber das ist nur ein Teilerfolg und kommt nur dem Teil teilweise zugute, weil hinter diesem ganzen technologischen, wissenschaftlichen Fortschritt nämlich Absicht, Intention steht. Wo Intention, Eigennützigkeit, Gier … eine Rolle spielen, geht das auf Kosten der anderen Teile, die ausgebeutet und unterdrückt werden. Das ist Unrecht im Recht und führt zur Beeinträchtigung von Wachstum und Entwicklung. Daraus entsteht Dysbalance im Teil-Ganzheitsprinzip, die hauptsächlich auf Haben basiert und es resultieren Scheinzufriedenheit und Leiden. Man identifiziert sich mit dem Haben, den Äußerlichkeiten nach dem Motto: „Hast du was, bist du was!“ Haben ist „in“ in der modernen zivilisierten Gesellschaft. Sie widmet sich vorrangig dem Haben, das im Grunde dem Sein dienen sollte.

Man will immer mehr haben, so prägte sich das Haben stärker aus. Jeder muss etwas haben, selbst wenn das eine Krankheit ist. Was für eine verkehrte Welt! Haben statt Sein. Haben ist Besitz, und Besitz ist vergänglich und nie sorgenfrei. Sorgen sind eigentlich Alarmsignale, keine Hindernisse. Nach seiner Grundnatur will der Mensch sorgenfrei leben. Das kann er aber nur in der spirituellen und nicht in der materiellen Welt. Askese, Verzicht bzw. Unterdrückung von Bedürfnissen jeglicher Art sind dafür nicht notwendig.

Man sehnt sich unbewusst nach dem Tod (Haben) statt zu leben (Sein). Damit ist der Sinn verloren und auch das Leben. 

Sinn des Lebens ist aber DIENEN  und nicht Verdienen. Du bist geboren, um zu dienen. Das ist dein Geburtsrecht wie auch deine Geburtspflicht.

Wie soll dein Dienen und Tun nun aussehen, damit du den wahren Sinn deines Lebens erlangen kannst?

Für den wirklichen Sinn des Lebens musst du zunächst dein wahres Selbst erkennen, vom Scheinselbst, dem falschen Ego, zum wahren Selbst („atma“) gelangen. Das erfordert Beziehung zunächst einmal sich selbst gegenüber. Beziehung ist Liebe, anders ausgedrückt: Liebe und Mitgefühl sind die Grundlage der Beziehung, damit auch des Wachsens und der Entwicklung und Reife. Beziehungen sind Lernerfahrungen, damit lebensnotwendig, ohne Liebe gibt es keine echte Beziehung, kein Leben und keinen Sinn. Liebst du dich selbst? Gehst du achtsam mit dir selbst um? 

Akzeptiere ganz, was und wie du bist, auch mit diesem materiellen Körper. Sag: Danke, dass du einen menschlichen Körper hast! Das ist nicht selbstverständlich. Merke: Dein Körper ist ein nur auf Zeit geliehenes Lebensfahrzeug. Pflege ihn und gehe achtsam mit ihm um, ohne Anhaftung, du bist nämlich nicht dein Körper. Durch die Anhaftung geht der Sinn des Lebens verloren. Dein Bewusstsein verliert die Klarheit, damit vergisst du dein wahres SELBST, identifizierst dich mit einer Maske, dem falschen ICH (EGO) und bist unglücklich.  Bewusstseinsklarheit ist aber der Zustand ungestörter Wachheit und Wahrnehmungsfähigkeit seines SELBST und seiner Umgebung. Man kann nicht gleichzeitig etwas haben und sein.

Du bist aber ein spirituelles Wesen („atma“ - Selbst) und „atma" will zu „paramatma“, dem höchsten Bewusstsein. Daher musst du ganz dich dem paramatma hingeben. Alles, was du tust, tue nur dafür, achte ja nicht auf das Resultat, erwarte keinen Lohn. Ich nenne diese Art des Dienens „karmyog“, Meditation, also  sich durch Tun mit der göttlichen Quelle verbinden.

 

Wie Kinder immer unbewusst Fragen stellen, „Warum?“, so stellen sich auch Erwachsene Fragen, wie z. B. „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“, „Was ist das, was alles zusammenhält?“, „Wohin gehen wir nach dem Tod?“, „Warum bin ich hier?“, „Warum habe ich diese Eltern, bin in diesem Land?“,  „Was ist der Sinn meines Lebens?“, „ Warum leide ich?“ usw.

Der Hintergrund solcher Fragestellungen ist die Sehnsucht nach der Quelle. Hier beginnt die Reise. Hier beginnen auch die Begegnungen in unterschiedlichen „Umfeldern“ bzw. „Umgebungen“, die das Leben beeinflussen, und damit die Qualität der Beziehung zum „Gegenüber“.

Die höchste Qualität der Beziehung ist die bedingungslose Liebe, hingebungsvoller Dienst, z. B. die Mutter-Kind-Liebe. Die Erde als Mutter liebt uns Menschen bedingungslos. Umgekehrt ist das leider nicht der Fall. Unsere Liebe zur Mutter Erde hat Absicht, Intention und ist damit keine wahre Liebe, ist Ausbeutung. Wer die eigene Mutter nicht liebt, missachtet das kosmische, ewige  Gesetz und verfängt sich in der materiellen Welt, verliert den Halt und letztlich sich selbst. Er fängt an, sich von Objekten verführen zu lassen, sich mit ihnen zu identifizieren und verwickelt sich damit im Haben (Anhaftung – „mein – dein“). Haben hat Anfang und Ende, ist daher vergänglich, nicht die volle Wirklichkeit. Nur das, was weder Anfang noch Ende hat, ist wahres SEIN. Der Mensch hat ganz dem SEIN zu dienen, im Handeln, Denken und Fühlen als Individuum, als Einheit.

 

Durch einen hingebungsvollen Dienst („karmyog“) haben viele individuelle Seelen die universelle Seele (Sinn) erkannt, d. h. die Befreiung, Erleuchtung erlangt. Solche Berufene, Gesandte sind Vorbilder und Lehrer. Sie haben als Schüler ihren eigenen „satguru“ (Seins-Meister), d. h. „Der von der Dunkelheit ins Licht führt“ gefunden, sind dessen Lehre mit Hingabe gefolgt und haben Erleuchtung erlangt (Schülernachfolge). Sie leben im Sein, nicht im Schein, und häufen keinen Besitz an. Sie werden von den Menschen gebeten, ihnen auch zu dieser Erfahrung zu verhelfen.

Ein Verein von Gleichgesinnten kann dabei unterstützen und zum individuellen und kollektiven, spirituellen Bewusstsein führen. 

 

 

 

 

 

OM TAT SAT

Yogi Krishnananda

 

„Sei ganz da, wo du bist, um das zu sein, was du bist“

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